Erklär mir die Liebe

Ein wunderbarer Text von Jana Hensel, erschienen in der aktuellen ‚Reihe 5‘, der mit einer genialen Wortenwahl etwas ansspricht, das zum Denken anregt. Enjoy.

„Sie ist groß, mächtig, wunderschön und irre. Sie macht uns zu Helden. Und zu Kreaturen im Kriechgang. Lässt uns fliegen. Und gleich wieder abstürzen. Geht das nicht ein wenig sanfter? Wäre es nicht schön, wir könnten jemanden um Rat fragen, wie die Liebe klappt? Vielleicht unser zwanzig Jahre altes Ich? Was würden wir lernen? Nichts.

[…] Als ich zwanzig Jahre alt war, wusste ich alles über das Leben. Heute weiß ich nichts wirklich Gültiges mehr darüber zu sagen. Als ich zwanzig Jahre alt war wusste ich auch alles über die Liebe. Sie schien eine einfache, die fast einfachste Sache der Welt zu sein. Sie brauchte doch nicht mehr als zwei Menschen mit hoffentlich großen Gefühlen füreinander. Heute bin ich mir über die Liebe nicht mehr im Klaren, ganz und gar nicht mehr.

Ich kann keinen wirklichen Grund nennen, warum sie sich einstellt, wenn sie sich einstellt, warum sie ausbleibt, wenn sie stattfinden soll, warum sie wieder verschwindet, wenn sie doch bleiben soll.
Liebe scheint mir heute die komplizierteste Sache der Welt zu sein, und manchmal habe ich den Eindruck, mit Gefühlen hat sie eigentlich nicht viel zu tun. Vielleicht eher mit Ängsten, wahrscheinlich eher mit Gründen. Also eher mit Dingen wie Herkunft, Elternhaus, Milieu, Vermögen, Prägungen und Ansichten und Erziehung. Dingen also, die sich betrachten und benennen lassen, die man vor sich auf den Tisch legen kann, die in den Augen der anderen, und damit auch in den eigenen, plausibel klingen und nachvollziehbar sind. Heute weiß ich, Dinge wiegen schwerer als Gefühle. Dinge haben Macht, denn sie schaffen Fakten. Sie errichten Grenzen zwischen Menschen, die Gefühle nur selten einreißen können.
[…] Natürlich schauen viele Menschen nicht nur auf das Herz, sondern auch in den Geldbeutel des anderen, auf die Herkunft, das Mileu, wenn sie sich verlieben wollen, wenn sie glauben wollen, sich verlieben zu können. […] Mein zwanzigjähriges Ich glaubte an Gefühle wie nichts sonst auf der Welt. Mein zwanzigjähriges Ich hing ganz fest in den Fäden des sorglosen Lebens, dick wie Seile kamen sie mir damals vor, unglaublich stabil. Sie zogen mich mal in die eine, mal in die andere Richtung […]

Auch wenn wir irgendwann, wenn wir älter, meinetwegen erwachsener und reifer sind, alles über die Liebe wissen, dass wir nichts Gültiges mehr über sie sagen möchten, hören wir dennoch nicht auf, an die Liebe zu glauben. Nie hören wir damit auf, keinen einzigen Tag hören wir damit auf.
Mein vierzigjähriges Ich hat nun die Liebe öfter scheitern gesehen als gelingen. Selten ist sie dabei an Gefühlen zugrunde gegangen, eher an Dingen, Zwecken und Gründen. Da waren einmal zwei Menschen, von denen war einer erfolgreicher als der andere, und Gefühle konnten dieses Gefälle irgendwann nicht mehr überbrücken. Da waren ein andermal zwei Menschen, von denen wollte der eine mehr Sex als der andere, und wenn nötig mit Fremden, und wieder konnten Gefühle diese verschiedenen Verlangen nicht besänftigen. Da waren ein drittes Mal zwei Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten, sagen wir er kam von oben und sie kam von unten, mit den Jahren konnten Gefühle auch diesen Widerspruch nicht überbrücken.
[….] Mein zwanzigjähriges Ich hätte all das weggelacht, hätte so mit der Hand abgewinkt und wahrscheinlich gerufen: „ Nein, das glaube ich nicht, nein, das will ich nicht glauben. Liebe kann doch alle Wunden heilen. Liebe sollte doch alle Wunden heilen.“

Aber wenn mein vierzigjähriges Ich meinem zwanzigjährigem Ich begegnen würde, dann wären sich beide in einem Punkt einig: Die Liebe höret nimmer auf. Weil wir nicht aufhören, an sie zu glauben. Selbst wenn wir alt genug sind zu wissen, dass es über die Liebe kaum gültige Sachen zu sagen gibt.“

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