Zu naiv für diese Welt?

Ich bin christlich aufgewachsen. Ja, das volle Programm und ja, damit meine ich auch das mit dem „Kein- Sex-vor-der-Ehe-Ding“ und ich kenne viele zauberhafte Mädels und junge Frauen, die ebenfalls nach diesem Motto erzogen wurden. Wertvolle Frauen, die glauben, dass dies Gottes Wille sei und dies deshalb von ganzem Herzen umsetzen möchten.
Das christliche Klischee in Bezug auf vorehelichen Sex lebt also auch im 21. Jahrhundert noch munter vor sich hin. Ist dies nun besonders ehrenhaft oder einfach nur naiv? Ich bin mir nicht sicher.

Zuzugeben, dass man mit zwanzig+ noch keinen Sex hat und dies sich auch in nicht allzu naher Zukunft ändern wird (vorausgesetzt die Hochzeit steht nicht vor der Tür), beschert einem sofort das Image eines Einhorns. Eines Einhorns mit regenbogenfarbenen Fell, das Glitzer pubst. Willkommen in der Liga der Daniel Kübelböcks und Chonchita Wursts. Im Nullkommanix wird man zum faszinierenden, einmaligen Sonderexemplar. Bereit im Zoo ausgestellt zu werden. Stempel auf der Stirn inklusive.

Nun gut, mit Anfang zwanzig wird man noch belächelt und tröstend in den Arm genommen, aber spätestens mit Mitte zwanzig schauen dich deine Freunde bei einem solchen Statement komisch an und beginnen sich zu fragen, ob man nicht vielleicht doch vollkommen prüde, frigide oder einfach total bescheuert sei.

Ich habe daher eine rießige Achtung vor diesen Ladies, die vor Freunden und sich selbst dazu stehen können, ohne dass Verunsicherung und Selbstzweifel an ihnen nagen. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der schon Teenager Sex haben und Teenie-Girls die Jungs wie Unterwäsche wechseln oder eben andersrum.

Wie schaffen diese Ladies das? Die einzige Antwort, die ich darauf fand, war ‚Gottvertrauen‘.

Sie vertrauen darauf, dass es Gottes Wille ist, dass Sex erst in die Ehe gehört und wenn Gott das so will, dann muss es ja gut werden. Und sollte es Probleme geben, dann wird er schon helfen. Es kann also letztlich nur gut werden. Bitte nicht falsch verstehen Gottvertrauen ist gut und wichtig, sogar elementar im Leben eines jeden Christen. Dennoch überkommt mich manchmal das leise Gefühl, dass das Vertrauen auf Gott als Schutzschild dient, das ihnen erlaubt sich mit bestimmten Dingen nicht auseinanderzusetzen und nichts zu hinterfragen. Denn Sex ist ja eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Des Eisbergs Intimität. Wenn Sex in die Ehe gehört, was ist dann mit dem Rest? Wieviel Intimität ist okay und okay für wen und wann? Und wer entscheidet das?

In meinen vielen Jahren als Christ habe ich schon etliche Einstellungen dazu gehört und mir scheint als sei bis aufs Händchen halten alles umstritten. Vom Zungenkuss über den gemeinsamen Urlaub bis hin zur leidigen Übernachtungsfrage. Auf dem Sofa des anderen schlafen? In einem Bett aber mit Bibelabstand? Und ist gemeinsames Einschlafen nur nachts ein Thema? Wann beginnt eigentlich die Nacht? Ist es tagsüber kein „Problem“? Tausend Fragen, tausend Möglichkeiten.

Intimität ist also ein Begriff der auf millionenfache Weise interpretiert und gelebt werden kann. Die eigene Einstellung dazu kann dabei durch viele Faktoren geprägt sein, wie das Vorbild der Eltern, Erzählungen von Freunden oder eigenen Erfahrungen. Bei Christen kann das Gottesbild als weiterer Faktor hinzukommen. Was will Gott? Was habe ich diesbezüglich vermittelt bekommen? Was sagt die Bibel darüber? Dass die Vorstellung von Intimität also bei beiden Partnern nicht gleich aussieht, ist daher nicht unwahrscheinlich. Eventuell prallen hier ganze Welten aufeinander und es braucht unter Umständen eine Weile bis ein gemeinsamer Konsens gefunden wird.

Traurig macht mich dabei die Tatsache, dass es immer wieder Menschen gibt, die meinen sich in diese sehr persönliche Angelegenheit ungefragt einmischen zu dürfen. Sei es die gute Freundin, die Eltern oder sogar der Pastor. Ich finde das alles andere als richtig und bin der Meinung, dass über das Ausleben von Intimität nur zwei Leute gemeinsam entscheiden sollten und wirklich nur diese zwei.

Ehrlich gesagt finde es nicht nur traurig, sondern ich mache mir Sorgen. Ich mache mir Sorgen um wertvolle Mädels und Frauen, deren Bild von Intimität oder dem, was Gott wohl über Intimität denkt, von Gemeinden und Familien geprägt wird. Ein Bild voll mit Regeln und Tabus. Ein Bild, das Intimität vor der Ehe zu etwas kompliziertem macht, zu etwas mit dem man extrem vorsichtig sein muss. Ein Bild, das sexuelle „Sünden“ schlimmer bewertet als alle anderen.
Sorgen bereitet mir die Verunsicherung, die dadurch entsteht. Frau möchte schließlich keinen Fehler machen, Gott ehren und den Partner nicht zu etwas „verführen“. (Für uns Frauen wohl auch eine leidige Imagegeschichte. Ihr wisst ja, Eva und der Apfel). Eigene Empfindungen, Bedürfnisse und Zweifel werden womöglich ignoriert, unterdrückt oder sogar als falsch empfunden. Auch entsteht durch dieses Bild der Intimität eine unfassbar große, vielleicht zu große Erwartungshaltung an die Ehe. Am Altar wird nun mal leider kein Schalter umgelegt und das perfekte Intimleben der Ehepartner ist da. Intimität kann nur entstehen und wachsen, wenn man sie zulässt und das braucht Zeit. Natürliche Verlangen wie das Zusammenleben, gemeinsamer Urlaub etc. zu unterdrücken, kann da ganz schön hinderlich sein.

Ich glaube Gott ist diesbezüglich wesentlich entspannter als die meisten Christen und sicher ist, dass seine Vergebung keine Grenzen kennt. Was auch immer passiert und was auch immer wir tun, Gott verurteilt uns nicht. Unsere Herzen zählen für Ihn mehr als unsere Taten. Es schadet also nicht über das eigene Gottesbild in Bezug auf Intimität nachzudenken und zu überprüfen, ob sich da eventuell Erwartungshaltungen anderer Menschen eingeschlichen haben. Wir dürfen ganz entspannt mit diesem Thema umgehen.

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